Wie tickt Berlin?
In den Kammerspielen des Deutschen Theaters zeigen vier
Schauspieler eine „Unerträglich lange Umarmung“ bis ihr Leben schließlich
erlöscht. Um genau zu sein, drei von ihnen finden ihren Tod in Berlin, die
vierte Person stirbt in New York. Damit
sind die beiden Orte der Handlung vorgegeben. Wer den Sinn des Lebens, das
Glück nicht in Manhattan findet, der fliegt (flieht) nach Berlin.
Die Bühnenverdichtung, die sich der Autor Iwan Wyrypajew
ausgedacht hat, musste einen Bezug zum Berliner Auftraggeber im Deutschen
Theater haben. Doch eigentlich sind die Orte und die Menschen austauschbar. Sie
haben zwar Namen, wie Emmy, Monika, Charlie und Krystof, aber sie sind keine Individuen. Austauschbar, obwohl sie
sich kurz selbst als Osteuropäer und US-Amerikaner vorstellen. Die
etwa-30-Jährigen leben in einer westlich kodierten Umgebung, doch empfinden sie
ihre Welt als künstliches Biotop. Die Plastewelt (der Übersetzer verwendet
bewusst den ursprünglich in Leuna erfundenen Begriff Plaste, nicht Plastik)
wird als Metapher für den Zuschauer vom ersten Moment an sichtbar. Das Publikum
blickt in ein Gewächshaus. Die Bühne ist mit riesigen milchig-weißen Folien
bespannt. Ein Scheinwerfer an der Rückwand simuliert die unechte Sonne. (Bühnenbild Rebecca Ringst) Ein Treibhaus für
die Protagonisten, die sich seltsam in diesem falschen Leben bewegen. Sinnlos,
unwirklich verschwenden sie ihre Tage im Überfluss. Der altmodische Begriff der
Dekadenz wird durch moderne, zeitgemäße Symbole ersetzt. So schmeißt Charlie (Moritz
Grove) gleich zu Beginn mit mehreren seiner Mobiltelefonen um sich. Emmy (Franziska
Machens) schluckt Pillen. Krystof (Daniel Hoevels) genießt sonderbare
Sexspiele. Monika (Julia Nachtmann) treibt ab, weil es ihr gerade so passt. Immer
noch in New York, der Nummer Eins auf der Skala der beliebtesten Metropolen.
Der Sinnlosigkeit ihrer Existenz wollen
sie schließlich entfliehen. Sie reißen die riesigen Folien herunter und drohen
im Plastikmüll zu ersticken. Letztes Aufbäumen. In ihrer Verzweiflung flüchten
Charlie, Krystof und Monika nach Berlin.
Nun beginnt für die echten Berliner ein Heimspiel mit
Wiedererkennungseffekt. Wenn der New Yorker Charlie am Flughafen Tegel in ein
Taxi steigt und dem Fahrer das Ziel nennt: „Bringen Sie mich ins Zentrum!“,
dann bellt dieser mit seinem unnachahmlichen Charme zurück: „In Berlin gibt es
kein Zentrum!“ Welchen Spiegel hält ein russischer Autor aus Moskau dem
Berliner vor? Auch hier in der Stadt (Nummer Drei in Europa), eine moderne, westliche
Wunderwelt, eine Plastetüte, die ein Gott auf den Müll geworfen hat. Das von
den Protagonisten idealisierte Berlin zeigt sich schließlich von der gleichen
Seite wie New York. Alles ist künstlich, wertlos, plastiniert (!). Charlies
Erlebnis auf der Wrangelstraße bringt tödliche Ausweglosigkeit.
Die Regie, Andrea Moses, verlangt von den
Schauspielern kraftzehrende, ausdruckstarke Körpersprache. Konsequent wird die besondere
Form des Autors von den Schauspielern umgesetzt. Die Quelle allen Lebens ist der
Impuls, die Bewegung, der Orgasmus. Besonders beeindruckend, wenn Monika im
hinteren Teil der Bühne ekstatisch tanzt, dann monologisieren die anderen an
der Rampe ihren Text. Die Personen auf der Bühne spielen ihre Rolle nicht, sie
erzählen, beschreiben dem Publikum ihre Rolle, körperlich heftig.
Die Flucht nach Berlin bringt jedoch keine Erlösung, keine
Erleuchtung. Sie finden den Sinn des Lebens nicht. Sie flüchten schließlich in
den Tod. Doch dieser Tod verdient den Namen nicht, denn in der Vorstellung des
Autors ist das Ende nur ein Übergang in das Universum. In der Galaxie gibt es
keine Trennung zwischen West und Ost, zwischen Plaste und Natur. Die westliche
Moderne ist aufgehoben. Im universellen Vakuum dagegen sprechen Delphine,
Schlangen und Blumen, da leuchtet ein blauer Punkt. Was nach der unerträglich
langen Umarmung bleibt sind die Hüllen, die in dem Theaterstück nicht entsorgt werden.
Gottseidank. Iwan Wyrypajew bezeichnet seine Story als Science Fiction.
Wer dieses Genre der Literatur mag, den Blick in die Welt
von morgen und übermorgen, der kann sich die Aufführung am 07. April 2015,
20.00 Uhr und 01. Mai 2015, 19.30 Uhr,
anschauen.
https://www.deutschestheater.de/home/umarmung/Im Berliner Abendblatt:
http://www.abendblatt-berlin.de/2015/03/21/plastewelt-in-den-kammerspielen/
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